Wie erwirbt ein Kind eine zweite Sprache?

Der Zweitspracherwerb setzt nach dem monolingualen Erstspracherwerb ein und kann als sukzessiver Zweitspracherwerb bezeichnet werden. Die Erstsprache ist in diesen Fällen in den Grundzügen erworben.

Zum Erwerb einer zweiten Sprache gehören, wie beim Erwerb einer ersten Sprache auch, Phonologie, Wortschatz, Morphologie, Syntax und Pragmatik. Die Sprachentwicklung ist ein Prozess, der mit anderen Entwicklungs- und Reifeprozessen einhergeht. Sie hängt einerseits von biologischen Faktoren ab wie z.B. der Sprachlernfähigkeit, das heißt der Fähigkeit Sprache zu verarbeiten, sprachliche Äußerungen zu bilden und zu verstehen, von sprechmotorischen Voraussetzungen, Merkfähigkeit und letztlich natürlich auch von Motivation und Interesse.

 

Wie der Erstspracherwerb ist der Zweitspracherwerb eingebettet in Interaktion und Beziehung, Interesse und gemeinsamer Sinnkonstruktion. Spracherwerb ist ein eigenständiger Prozess, mit Hypothesen- und Regelbildung. Sprachlerner machen immer wieder Annahmen über die Regeln der Sprache und setzen sie dann in ihrem Sprachgebrauch so lange ein, bis sie aus dem „Input“, das heißt aus dem sprachlichen Angebot der Umgebung, neue Einsichten in das Regelsystem gewinnen. Dabei bilden sie viele nicht-zielsprachliche Formen („Fehler“), die aber Teil des Erwerbsprozesses sind und demnach nicht als Fehler gedeutet werden sollten. Vielfältiger sprachlicher Input sowie viele Gelegenheiten, Sprache auszuprobieren, sind daher wichtige Bestandteile des Spracherwerbsprozesses bei Kindern.

Auch unter günstigen Bedingungen ist der Zweitspracherwerb ein mehrjähriger Prozess, der ähnlich verläuft wie der Erstspracherwerb. Der Unterschied besteht darin, dass ein Kind, das eine zweite Sprache lernt, Vorkenntnisse aus der ersten Sprache mitbringt. Ein Kind fängt nicht zu Beginn des Zweitspracherwerbs wie ein Baby im Erstspracherwerb an, einzelne Wörter zu sagen wie „Mama, Papa“, sondern es versucht von Anfang an längere Einheiten zu verarbeiten.

 

So greift das sprachlernende Kind anfangs häufig auf formelhafte, auswendig gelernte Floskeln zurück wie „Weißt-du-was?“, „Verstehst-du?“ ohne die Bedeutung zu kennen. Manche Theorien zum Zweitspracherwerb stellen die angeborene Fähigkeit, Sprache zu erwerben, in den Vordergrund ihrer Erklärungen. Andere wiederum betonen die Rolle der Umgebung, vor allem der Gelegenheiten mit Sprechern zu interagieren, die ihre Sprache und Interaktionsmuster anpassen, um die Bedürfnisse des Lerners zu treffen. Weitere heben das Engagement des Lerners in einem breiteren sozialen Kontext als wichtigsten Punkt hervor. Alle diese Theorien erfassen wichtige Aspekte, die sich dem Verständnis des Spracherwerbsprozesses nähern, wenn auch keine Theorie die Komplexität dieses Prozesses bisher hinreichend deuten kann.

Erwerbssequenzen

Quelle: Kieferle, 2012, S. 14
Quelle: Kieferle, 2012, S. 14

In bestimmten grammatischen Teilbereichen folgt die schrittweise Erschließung der zielsprachlichen Strukturen einer festen Phasenabfolge. Das heißt, der Erwerb läuft in diesen Bereichen in einer bestimmten chronologischen Reihenfolge ab. Diese Abfolgen werden Erwerbssequenzen genannt. Belegt sind solche Erwerbssequenzen etwa für den Erwerb der Satzstellung, der Objektkasus, der Verbalmorphologie und der Negation.


Das nebenstehende Modell zeigt kleinschrittige Sequenzen der Entwicklung der Verbstellung und mögliche Übergangsformen. 


Strategien im Zweitspracherwerb

Die Darstellung der folgenden Strategien mehrsprachiger Kinder zeigt, dass diese zu spezifischen sprachlichen Leistungen führen, die sich von denjenigen einsprachiger Kinder unterscheiden.

 

Sprachwechsel

In Gesprächen wird von der einen in die andere Sprache gewechselt, wobei mehr als ein einzelnes Wort aus der anderen Sprache verwendet wird. Von Code-switching (Bsp. It’s raining. Nimm deinen Schirm mit!) spricht man, wenn die Satzgrenze dabei eingehalten wird. Beim Code-mixing wird innerhalb eines Satzes gewechselt (Bsp. Nimm the umbrella mit!). Sprachwechsel sind bei simultanem wie auch bei sukzessivem Spracherwerb zu beobachten. Auf der Grundlage neuerer psycho- und soziolinguistischer Studien ist es problematisch, code-switching und code-mixing mit den Polen "gut" und "schlecht" zu verbinden. Frühes Sprachmischen kann ein Zeugnis für die Fähigkeit des Kindes sein, seine zur Verfügung stehenden Mittel systematisch komplementär einzusetzen. Auch entwickeln mehrsprachige Sprachlerner und Sprachlernerinnen einen etwas höheren Grad und ein etwas früheres Einsetzen von Sprachbewusstheit.

 

Sprachlicher Transfer

Sprachlicher Transfer wird unterschiedlich erklärt. Interferenz bezeichnet das Produkt eines sprachlichen Transfers. Sprachwissen wird bei den Sprachlernern verwendet, um es für den Gebrauch einer anderen Sprache zu nutzen. Der Sprachlerner überträgt in der Regel unbewusst sprachliche Strukturen und Sprachverwendungsregeln von einer in die andere Sprache. Neuere Erkenntnisse belegen, dass nicht das sprachliche System den sprachlichen Transfer bestimmt, sondern die Sprachlernenden selbst.

 

Sprachliche Ganzheiten

Damit ist der formelhafte Sprachgebrauch gemeint, der dem Sprachstand des Sprachlerners vorausgreift. Er formuliert Sprachstrukturen, die nicht seinem aktuellen Kenntnisstand der neuen Sprache entsprechen, z.B.: Wie geht es dir?

 

Fazit: Sprachmischungen sind wesentlicher Bestandteile zweisprachiger Kommunikation und nicht grundsätzlich Ausdruck sprachlichen Unvermögens. Lernt ein Kind die adressatenadäquate Verwendung der Sprache jedoch nicht, ist dies als pathologisch einzustufen. In der Anfangsphase des Fremdsprachenerwerbs ist das Sammeln von sprachlichen Ganzheiten typisch und erlaubt erste Kommunikation. Im weiteren Verlauf führen sie jedoch nicht zu nachhaltigen Spracherwerbsprozessen, da mit dieser Taktik keine neuen Sprachstrukturen entwickelt werden können.

 

Der Linguist und Blogger Fabian Bross erstellt für seinen Blog Videos mit Hintergrundwissen – für ehrenamtliche LehrerInnen gut zu wissen! Bearbeitet werden Themen wie Lautstruktur oder Schreibprinzipien. 

Quellen:

 

Kieferle, C. (2012). Theoriebaustein Basiswissen: Deutsch als Zweitsprache in Grundschule und Kindergarten. München: Goethe-Institut.

Kniffka, G. & Siebert-Ott, G. (2009). Deutsch als Zweitsprache. Lehren und lernen. Paderborn: Verlag Ferdinand Schoningh. 

Rösch, H. (Hrsg.).(2004). Deutsch als Zweitsprache: Grundlagen, Übungsideen, Kopiervorlagen zur Sprachförderung. Braunschweig: Schroedel.